Warum Purpose intern als aufregende Reise erlebt werden muss.Unsere Erkenntnis aus 150’000 Daten von 25 Schweizer  Unternehmen.

Um Unternehmensmarken erfolgreich zu positionieren, erfasste Heads Corporate Branding mittels Unternehmenspersönlichkeits-Inventar in den letzten zehn Jahren für 25 Schweizer Unternehmen auch die Ambitionen und Wünsche von Mitarbeitenden. Im Vergleich der über 150’000 erfassten Aussagen konnten überraschende Übereinstimmungen festgestellt werden. Eine der wichtigsten Erkenntnisse: Mitarbeitende wollen zu ihrer Motivation die Unternehmensausrichtung genau verstehen und diese als aufregende, sinnstiftende Entwicklung erleben.

Bei den untersuchten Unternehmen konnten wir eine Vielzahl von Veränderungswünschen feststellen, doch ein Wunsch war in fast allen Unternehmen vorhanden und stark ausgeprägt: Mitarbeitende sehnen sich nach mehr positiver Aufregung. Bei aller Wertschätzung, die sie ihrem Arbeitgeber entgegenbringen – es fehlt offenbar an «Gänsehautmomenten». Das Unternehmen will von den Mitarbeitenden aufregender, abenteuerlustiger und temperamentvoller erlebt werden. Dies bezieht sich weniger auf die Herausforderungen, die sich den Mitarbeitenden im Arbeitsalltag stellen, sondern betrifft vor allem die Unternehmenspersönlichkeit: Man will verstehen, wohin sich das Unternehmen entwickeln wird. Und diese Entwicklung soll sinnvoll und aufregend sein.

Auch die umfangreiche Studie der Firma icommit, die seit Jahren die Mitarbeitenden von über 120 Unternehmen hinsichtlich der Verbundenheit zum Unternehmen untersucht, zeigt in diese Richtung: Seit 2016 ist nicht mehr der Arbeitsinhalt der wichtigste Treiber der Verbundenheit. Commitment nährt sich aus dem Verständnis der Unternehmensstrategie.

Diese und viele weitere Studien belegen, wie wichtig es den Mitarbeitenden heute ist, den Sinn des Unternehmens zu erkennen. Und diese «Raison d’Être» soll, wenn immer möglich, für Aufregung sorgen und den Puls erhöhen. Unternehmen tun also gut daran, Klarheit darüber zu schaffen, wohin die Reise geht und was der Sinn des Unternehmens ausmacht.

Thomas Höge und Tatjana Schnell vom Institut für Psychologie der Universität Innsbruck haben dazu schon 2012 in einer Forschungsarbeit festgestellt: Kein Arbeitsengagement ohne Sinnerfüllung. «Bei multivariater Betrachtung ist das Tätigkeitsmerkmal Bedeutsamkeit (der Aufgabe) für andere der stärkste Prädiktor für Sinnerfüllung und Arbeitsengagement, während Autonomie einen erheblich schwächeren Zusammenhang aufweist.»

Die Resultate unserer Datenanalyse wurden Ende 2021 an einer Perikom-Veranstaltung präsentiert. Der Schweizer Philosoph und Publizist Ludwig Hasler befeuerte dabei unsere Einschätzungen mit pointierten Interventionen.

Ludwig Haslers Gedanken zum Thema Sinn und Aufregung: «Wenn ich Sinn ganz einfach definieren will, geht es darum, etwas zu tun, das nicht nur für mich Bedeutung hat. Etwas, dass das Leben anderer verbessern kann – andere Menschen erfreut und sie in Form bringt. Inzwischen haben wir wohl alle verstanden, dass die Ich-Schlaufe es nicht bringt. Zwar gelten wir Schweizer in all den Rankings als die Glücklisten, die Reichsten – die Stabilsten erst recht. Dann auch noch als die Innovativsten – oder mindestens finanzieren wir Innovation am stärksten. Und jetzt? Sehen wir danach aus? Nicht erst seit der Pandemie wirken wir, trotz all unseres Glücks, doch eher gereizt.»

«Unser Leben ist ziemlich banal und durchökonomisiert.»

Hasler fuhr fort: «Und jetzt kommt auf die Unternehmen eine Aufgabe zu, für die sie traditionell gar nicht fähig sind: Das Unternehmen muss plötzlich zu einer Art Heimat werden. Dies auch darum, weil die Grenzen zwischen Arbeit und Privatheit immer mehr verfliessen. Und weil das Unternehmen immer mehr von den Mitarbeitenden verlangt – Fantasie, Mut, Engagement. Deshalb sind auch die Erwartungen an das Unternehmen gewachsen. Die Erwartung ist, an einer Geschichte teilhaben zu können, die grösser ist, als jede und jeder Einzelne. Das Unternehmen muss erzählen, was es bringt. Die Zukunft ist nicht vorhersehbar, aber man kann vorsehen, wer man übermorgen sein will. Das Stichwort war ja Aufregung: Menschen wollen etwas Drama. Wir meinen ja, in der kunterbuntesten Zeit aller Zeiten zu leben, dabei ist unser Leben ziemlich banal und durchökonomisiert. Das gewünschte Drama ist ein aufregendes Bild der Zukunft, welches das Unternehmen erreichen will. Gefragt ist mehr Intensität statt Aussenwirkung. Mehr Wachstum nach Innen. Gewinnen wird, wem dies gelingt.»

Fazit: Den Mitarbeitenden ist die Unternehmensstrategie klar, überzeugend, aufregend und sinnstiftend zu vermitteln – als aufregende Reise zu einem sinnstiftenden Ziel. Ein Purpose muss also nicht zwingend ein Weltrettungsversprechen sein. Es kann genügen, wenn der Purpose in einem ausserordentlich hohen Nutzen für die Kunden oder die Gesellschaft liegt, der erst durch Höchstleistungen der Mitarbeitenden überhaupt möglich wird.

In der aktuellen Ausgabe von «Persönlich» findet sich der ausführliche Bericht zu unserem Perikom-Anlass «Leistung, Sinn und Sehnsucht in Unternehmen», den es auch hier zu lesen gibt.