Warum anhaltender Erfolg zu potenziell gefährlicher Routine führen kann.
Unsere Erkenntnis aus 150’000 Daten von 25 Schweizer Unternehmen.

Um Unternehmensmarken erfolgreich zu positionieren, erfasste Heads Corporate Branding mittels Unternehmenspersönlichkeits-Inventar in den letzten zehn Jahren für 25 erfolgreiche und ambitionierte Schweizer Unternehmen auch die Ambitionen und Wünsche von Mitarbeitenden. Im Vergleich der über 150’000 erfassten Aussagen konnten überraschende Übereinstimmungen festgestellt werden. Eine von drei der wesentlichen Erkenntnisse: Anhaltender Erfolg führt zu potenziell gefährlicher Routine.

In den Resultaten zeigte sich, dass viele Mitarbeitende in der sogenannten «Bore-out-Falle» zu stecken scheinen (Bore-out nach dem Buch «Diagnose Bore-out» von Philippe Rothlin und Peter R. Werder): Man hat sich über die Jahre im Job gut eingerichtet, akzeptiert bis zu einem Grad die Langeweile der Arbeit. Der Journalist Roger Boyes schrieb schon 2007 in der englischen «Times», dass Bore-out «seit fast einem Jahrhundert ein fester Bestandteil des Büroalltags» sei. Boyes: «Ich erinnere mich, dass ich in den 1970er-Jahren für die ‹Financial Times› gearbeitet habe und dass die Kollegen ein ‹Italian Jacket›-System entwickelt haben. Eine Ersatzjacke, die im Büro aufbewahrt wurde, wurde über die Rückenlehne des Stuhls gelegt, eine halb ausgetrunkene Tasse Kaffee wurde neben das Telefon gestellt … und man konnte für ein paar Stunden verschwinden. Der Redakteur würde annehmen, dass sie kurzzeitig woanders im Gebäude waren.»

In unseren Befragungen zeigte sich, dass Unternehmen zwar positive Emotionen vermitteln, diese aber eher schwach ausgeprägt sind. Diese Einschätzung teilen auch die befragten Kunden der untersuchten Unternehmen. Was positive Emotionen angeht, zeigen sich die Unternehmen oft wie ein durchschnittliches Restaurant: Der Kellner fragt: «Isch es rächt gsii?» und der Kunde erwidert: «Ja, es isch rächt gsii.»

Man hat sich an das Mittelmass gewöhnt und ein Stück weit auch damit abgefunden. Auch negative Emotionen werden bis zu einem gewissen Grad in Kauf genommen. So bewegen sich Mitarbeitende vor allem in der Komfortzone, da es ihnen ausserhalb dieser Zone zu aufwendig oder zu gefährlich scheint. Dabei wird übersehen, dass zwischen Komfort- und Gefahrenzone die wichtige Veränderungs- und Lernzone existiert.


Gerade in dieser Zone werden auch Risiken früh erkannt. Beim Verharren in der Komfortzone wird aber Erfolg zur Routine, Routine zur Gemütlichkeit und Gemütlichkeit zur Gefahr.

Die Resultate der Datenanalyse wurden Ende 2021 an einer Perikom-Veranstaltung präsentiert. Der Schweizer Philosoph und Publizist Ludwig Hasler befeuerte dabei unsere Einschätzungen mit pointierten Interventionen. Seine Gedanken zum Thema Routine: Das Leben bestehe nun mal zu 80 Prozent aus Üblichkeiten. Und dies sei auch gut so. Doch es gebe den wunderbaren Satz von Einstein: «Ohne Ordnung kann nichts bestehen. Ohne Chaos kann nichts entstehen.» Die Balance zwischen Bewahren und Erneuern herzustellen, sei eine der grossen Künste der Unternehmensführung. Und wie dies gelingen könne? Indem man mehr auf Typen, statt auf Kompetenzen achte. Hasler: «Wählt man nur nach Kompetenzen, muss man auch nicht enttäuscht sein, wenn die Leute sachlich in Ordnung sind, aber eigentlich keine Energie, keinen Drive und keine Fantasie entwickeln. Man muss sich dann nicht wundern, wenn man eine funktionierende Langweilertruppe zusammen hat.» Wir würden viel zu viel auf Wissen, statt auf Charakter, Temperament, Willen, Neugier setzen. Zu wenig auf Menschen «mit einer Nase für die Zukunft» wählen. Darin würden wir auch nicht ausgebildet. «Es gibt keinen Bachelor in Charakter und keine Creditpoints für Neugier. Vor allem in der Schweiz wird brav gelernt und gelernt. Und am Ende… isch es rächt gsii. Weil es uns sagenhaft gut geht, geraten wir, wie geschildert, vom Erfolg in die Routine und über die Gemütlichkeit ins Debakel. Routine ist nicht schlecht, doch wenn sie diesen Verlauf nimmt, wird sie zum Problem», ist Hasler überzeugt.


Ludwig Hasler: «Unternehmen tun gut daran, einen heilsamen Zwang zu veranstalten, über den Tellerrand hinauszuschauen.»

Verändern verlange auch das Aufgeben von geliebten Dingen, und dies falle nicht leicht. «Doch wer keine Veränderung will, will keine Zukunft, sondern sozusagen lediglich eine Fristerstreckung für die Gegenwart.» Doch wie kann man die Balance von Ordnung und Chaos trainieren? Auch hier habe Einstein einen Rat: «Ein Physiker, der nur etwas von Physik versteht, versteht auch nichts von Physik.» Wer also nur etwas von seinem Bereich verstehe, stecke fest in der Routine. «Unternehmen tun gut daran, einen heilsamen Zwang zu veranstalten, über den Tellerrand hinauszuschauen. Also eine kleine Nötigung zur Erforschung von Welten, für die man sich nicht zwingend interessieren muss.»

In der aktuellen Ausgabe von «Persönlich» findet sich der ausführliche Bericht zu unserem Perikom-Anlass «Leistung, Sinn und Sehnsucht in Unternehmen», den es auch hier zu lesen gibt.