Immer wieder hört man Manager fast beiläufig erwähnen, mit wie wenig Schlaf sie auskämen. Es gehört wohl zum guten Ton, auch noch den Schlaf möglichst effizient zu bewältigen. Ganz nach dem Motto «Schlafen kann ich dann, wenn ich tot bin». Wirklich? Anspruchsvolle Transformationsprozesse kann man eigentlich nicht mit wenig Schlaf meistern.

Befindet sich Ihr Unternehmen gerade in einem Transformationsprozess? Wollen Sie zusammen mit ihrem Team die Unternehmenskultur weiterentwickeln? Vielleicht digitaler und innovativer werden, mehr Kundenorientierung zeigen, Innovation verstärken oder Silodenken ausmerzen? Kulturwandelprozesse sind anstrengend, denn bis sie wirklich wirken, vergeht eine gefühlte Ewigkeit. Über Monate, eher Jahre hinweg muss informiert, geschult, motiviert und vorgelebt werden. Führungskräfte müssen dabei gleichzeitig lernen und lehren. Dafür braucht es viel Reserve, Durchhaltewillen, Geduld und Resilienz. Das geht schlecht mit Schlafmanko. In einem Transformationsprozess macht man sich also besser nicht die Nacht zum Tag.

Die Idee, dass die wirklichen «Hot Shots» mit wenig Schlaf auskommen würden, kommt natürlich aus den USA. Das Wall Street Journal schuf den Begriff der «schlaflosen Elite» und bezeichnete damit «die Glücklichen, die mit dem Thatcher-Gen ausgestattet seien» – der 1 bis 3% der Weltbevölkerung, die auch mit sehr wenig Schaf funktionieren. The Iron Lady kam mit nur vier Stunden Schlaf pro Nacht aus. Solche Kurzschläfer gibt es tatsächlich. Einer war der zu früh verstorbene Chrysler Fiat CEO Sergio Marchionne. Dieser war jeweils schon um 3.30 Uhr auf den Beinen. Seine Mitarbeitenden meinten, er hätte sich damit den achten Tag der Woche möglich gemacht. Wenn man sich allerdings an Marchionne zurückerinnert – er trug nicht nur schlechtsitzende Pullover, sondern meist auch deutliche Ringe unter seinen Augen. Doch die Leistungsfähigkeit des früheren SGS- und Lonza-CEO ist unbestritten. Das Thatcher-Gen hat auch die Pepsi CEO Indra Noody; sie lernte für ihr Studium in Yale hauptsächlich bei ihrer Arbeit an einer Hotel-Reception – von Mitternacht bis fünf Uhr früh. Auch heute schläft sie nur vier bis fünf Stunden pro Nacht. Wie zu erwarten kann auch Elon Musk nicht länger als sechs Stunden schlafen. Und auch Barak Obama ist mit sechs Stunden eine solche Nachteule. Unterboten hat ihn natürlich sein Nachfolger, der mit nur drei Stunden Schlaf auskommt – weniger, als je ein Präsident zuvor. Ob dieser allerdings auch über das Thatcher-Gen verfügt, wollen wir hier mal offenlassen.

Weil in den USA fast alles gemessen wird, weiss man aber, dass die grosse Mehrheit der US-Wirtschaftsführer genauso viel Schlaf brauchen, wie alle anderen auch; also rund sieben bis acht Stunden pro Nacht. Gemäss Inc.com mit sieben Stunden gut unterwegs ist Tim Cook von Apple. Er schlafe von 21.30 bis 4.30 Uhr. Auch Bill Gates braucht seine sieben Stunden Schlaf. So auch Twitter-Gründer Jack Dorsey: Er schlafe von 22.30 bis 5.30 Uhr. Jeff Bezos sei ein starker Befürworter des 8-Stunden-Circadian-Rhythmus. «Ich fühle mich einfach den ganzen Tag über so viel besser, wenn ich acht Stunden hatte», meinte Bezos. 2019 wollte es CNN Business genauer wissen und befragte 250 CEOs von Fortune-500-Unternehmen. Ganze 200 von ihnen gaben an, dass sie 7 bis 8 Stunden schlafen.

Was mit Menschen passiert, die nicht so viel schlafen, wie sie es nötig hätten, beschrieb das British Medical Journey in einem Studienbericht: «Moderater Schlafentzug führt zu Beeinträchtigungen der kognitiven und motorischen Leistungsfähigkeit, die den gesetzlich vorgeschriebenen Werten einer Alkoholintoxikation entsprechen.» Etwas weniger akademisch zusammengefasst: Eine Person, die 19 oder 20 Stunden wach ist (d.h. jemand, der 4 bis 5 Stunden pro Nacht schläft), führt Aufgaben durch, wie jemand, der betrunken ist. Eine gemeinsame Studie, der «University of Pennsylvania School of Medicine», des «Beth Israel Deaconess Medical Center» und der «Harvard Medical School» zeigte, dass, wenn man 10 Tage lang nur sechs Stunden pro Nacht schläft, man am Tag 11 genauso leistungsschwach ist wie jemand, der die ganze Nacht durchgemacht hat.

Schlafforscher Christopher Barnes, der «University of Washington» entdeckte überdies, dass Manager unter Schlafentzug weniger emotionale Selbstkontrolle zeigen. Das mache es wahrscheinlicher, dass sie sich gegenüber Untergebenen missbräuchlich verhalten, was wiederum das Engagement am Arbeitsplatz verringern könne. Forscher der «University of California» verglichen das Gedächtnis von Menschen, die gut geschlafen hatten, mit dem von Menschen, die überhaupt nicht geschlafen hatten. Sie stellten fest, dass Menschen mit Schlafmangel unter bestimmten Bedingungen Fakten mit Fantasie vermischen, Ereignisse ausschmücken und sich sogar an Dinge „erinnern“, die nie wirklich passiert sind.

Führen Sie ein Unternehmen, dass sich gerade in einem Transformationsprozess befindet? Dann ist es sicher keine schlechte Idee, dafür zu sorgen, dass ihre Führungskräfte ausgeschlafen zur Arbeit kommen. Als Signal dafür kann zum Beispiel ein E-Mail-Verbot ab 22 Uhr dienen. Am wichtigsten aber: Löschen auch Sie, wenn immer es geht, das Licht zur rechten Zeit.

 

Foto: Niklas Hamman, Unsplash