Wir alle haben es gelernt: Homeoffice tut nicht weh und hat viele Vorteile. Unternehmen richten sich deshalb darauf ein, diese Arbeitsweise auch nach der Pandemie weiterzuführen, denn schliesslich sind Effizienzgewinne spürbar und Kosteneinsparungen nicht von der Hand zu weisen. Nicht zu unterschätzen ist allerdings der Effekt auf die Innovationskraft von Unternehmen.

Vor einigen Wochen veröffentlichte ich auf meinem LinkedIn-Profil den Blog-Artikel «Die Sehnsucht nach dem weiten, offenen Büro». Diese Liebeserklärung ans Büro-Büro weckte so viel Interesse wie nur wenige Artikel in den letzten Jahren. Grund genug, diesem Thema noch etwas mehr auf den Grund zu gehen – für Perikom, den Fachverein für Personalmanagement und Interne Kommunikation und heute publiziert in der Printausgabe von «Persönlich».

Homeoffice wird gefeiert und dies nicht zu Unrecht. Die Studie «Workforce of the future» von CISCO befragte im letzten August 10’095 Arbeitnehmende in zwölf Ländern, darunter auch 1004 Personen in der Schweiz: 58% beurteilten die Zeit im Homeoffice rückblickend positiver als erwartet. 72% wünschen sich im Homeoffice einfach dieselbe Technologie wie im Büro und 87% möchten künftig die Wahl haben, wo sie arbeiten. 65 Prozent der Befragten glauben nach dieser Erfahrung, dass sich Mitarbeitende nicht im selben Raum aufhalten müssen, um effektiv zusammenzuarbeiten. Auch die ZHAW kann in einer Studie der Angewandten Psychologie inmitten der Covid-19-Krise letztes Jahr zu einem ähnlichen Schluss: Mehr als 70% der Befragten fühlten sich im Homeoffice wohl oder sehr wohl und möchten diese Art der Arbeitsorganisation nach der Coronakrise beibehalten.

Auch die Grossunternehmen sahen vor allem Vorteile, wie die «Neue Zürcher Zeitung» letzten Juni schrieb: So betonte man bei der Credit Suisse, dass es kaum Probleme bei der IT oder im Tagesgeschäft gegeben habe. Rund 90% der Credit-Suisse-Mitarbeitenden waren im Lockdown von zu Hause aus tätig. Kundenservices und Betrieb seien trotz erhöhten Handelsvolumen und Volatilitäten an den Märkten ohne Zwischenfälle jederzeit und in der üblichen Qualität aufrechterhalten worden, hiess auch bei der UBS. Auch die Swiss Life gab an, dass man stets im normalen Arbeitsmodus weitergearbeitet habe. Bei Adecco Schweiz ging man, gestützt auf die Rückmeldungen der Mitarbeitenden, gar davon aus, dass die Produktivität während der Homeoffice-Phase zugenommen hatte.

Vom Lästern und Lausen

Alle befragten Unternehmen fügten aber auch gleich an, dass der direkte Austausch mit Arbeitskolleginnen und -kollegen, Kundinnen und Kunden auch mit ausgeklügelten virtuellen Konzepten nicht vollständig ersetzt werden könne. In einer Umfrage von gfs Bern im April/Mai 2020 stimmten 64% der Aussage zu, dass Homeoffice das Gefühl des Alleinseins befördere. Und auch das tägliche Lästern bleibt auf der Strecke. Die Journalistin Jenny Niederstadt beschrieb diesen Februar in der «Bilanz», was es bedeute, wenn das Bürogeflüster ausbleibt, was passiert, wenn die Kommunikation auf dem «Latrinenweg» nicht mehr möglich ist. Niederstadt zitierte eine Studie der University of California Riverside, die belegt, dass wir täglich rund 52 Minuten mit Tratsch verbringen. Psychologen würden diesem Lästern eine wichtige Rolle zumessen; die des Blitzableiters, Warnsignals und Freundschaftsdienstes. Im «Bilanz»-Artikel ebenfalls zitiert wird der britische Evolutionspsychologe Robin Dunbar. Er vergleicht das Lästern mit dem gegenseitigen Lausen, wie es die Menschenaffen praktizieren: Die Fellpflege sei hygienisch unnötig aber sozial höchst bedeutsam. Die Herdenmitglieder schmieden dabei Allianzen, besänftigen Konkurrenten oder beenden Fehden. Ganz ähnlich funktioniere das Lästern. Sei Tratsch nicht mehr möglich, entstehe nicht nur für die notorischen Lästermäuler, sondern auch für das Unternehmen ein Nachteil. Forscher der City University in London untersuchten vor einigen Jahren die Leistung von 100 Krankenpflegerinnen. Dabei zeigte sich, dass Mitarbeitende produktiver waren, wenn sie in ihrem Job zwischendurch Zeit fanden, mit Kolleginnen über ihren Stress und über negative Gefühle zu sprechen.

Nun kann man entgegnen, dass etwas Einsamkeit und ein Tratsch-Defizit mit Blick auf die erzielbaren Produktivitätssteigerungen in Kauf genommen werden sollten. Viel bedeutsamer jedoch ist die mögliche negative Auswirkung auf die Innovationskraft von Unternehmen. Darüber wurde bisher noch wenig geforscht und geschrieben.

Einsame Ideen

Natürlich wissen wir vom zweifelhaften Nutzen von Gruppen-Brainstormings. Doch in Isolation entstehen die grossen Würfe eben auch nicht. Echte Innovation «passiert» oft mitten im Unternehmen. Weil sich engagierte Mitarbeitende mit einer Lösung nicht zufriedengeben. Weil sie sich im kontinuierlichen Austausch mit Kolleginnen und Kollegen Alternativen überlegen. Weil sich Menschen mit ähnlichen Aufgaben, aber einem komplett anderen Blick auf die Dinge über den Weg laufen. Lars Vollmer, Unternehmer und Autor von Gesellschaft- und Wirtschafts-Bestsellern, glaubt sogar, Homeoffice zerstöre Innovationskraft. Innovation, so Vollmer, brauche immer eine Abkehr von der Norm, sonst würde es keine Innovation. Innovation entstehe vornehmlich auf der informellen Ebene.

Nicht zu unterschätzen ist auch die Wirkung eines gewissen Grundrauschens, das ein belebtes Büro zu bieten hat. Marco Simonetti, Design Director bei Heads, meinte unlängst: «Für meine Arbeit brauche ich nicht ständigen Austausch, aber ein gewisser Geräuschpegel in der Agentur und immer mal wieder jemand, der an meiner Bürotür vorbeigeht, beflügelt meine Kreativität.» Was seltsam tönt, hat die Universität Oxford wissenschaftlich bestätigt. «Exploring the Effects of Ambient Noise on Creative Cognition» heisst die Studie dazu, veröffentlicht im Jahr 2012 im Journal of Consumer Research. Die Erkenntnis: Ein moderater Geräuschpegel ist ideal für Kreativität. Mehr noch als ein niedriger Geräuschpegel, verstärken Umgebungsgeräusche die Kreativität. Ein moderater Rauschpegel erhöhe die Verarbeitungsschwierigkeiten, was wiederum die abstrakte Verarbeitung fördere, die wiederum zu mehr Kreativität führe. So oder so: Einsames Arbeiten macht nur bedingt Spass und Albert Einstein sagte es treffend: «Creativity is intelligence having fun.»

Homeoffice mag für einige Tage pro Woche gut sein – aber nur im Mix mit Präsenz am Büro-Arbeitsplatz. Fun Fact: Christa Dürscheid, Professorin für Deutsche Sprache an der Universität Zürich, machte diesen Februar im «Persönlich» darauf aufmerksam, dass schon der Name «Homeoffice» nicht über alle Zweifel erhaben sei: Auf Englisch würde man sagen: «I am working from home». «Homeoffice» bedeute im britischen Englisch «Innenministerium». So verrichten wir also, solange wie noch nötig, im Innenministerium, auf uns selbst zurückgeworfen, effizienzbeschleunigende Heimarbeit. Nicholas Bloom, Ökonomieprofessor in Stanford, meinte schon 2014, dass sich Telearbeit, so hiess es damals, Produktivität deutlich steigere, relativierte aber auch: «The more robotic the work, the greater the benefits, we think.» Freuen wir uns, mit gutem Grund, auf postpandemisches Arbeiten, Tratschen und Innovieren.