Deutschland verliert mehr als nur einen etablierten Musikpreis. Die Musikindustrie zerstört eine über 25 Jahre aufgebaute Marke und lässt sich damit nochmals von den zwei Skandalrappern vorführen, die sich rühmen können, den ECHO zuerst gewonnen und dann gekillt zu haben.

Auch im deutschsprachigen Raum ist es inzwischen gar nicht mehr so einfach, für umsatzwirksame Skandale zu sorgen. Rapper wie Bushido haben mit gewaltverherrlichenden, frauen- oder schwulenfeindlichen Texten schon vieles genutzt, was einen Skandal provozieren könnte. So mussten die «bösen Jungs» Kollegah und Farid Bang eben noch einen Schritt weitergehen. Sie sagten sich wohl; wenn Sex und Gewalt nicht mehr genügt, setzen wir halt auf den Holocaust. Die Verkäufe schossen durch die Decke und der ECHO – dummerweise ein Preis, der sich ausschliesslich an den Verkaufszahlen orientiert – war den beiden Künstlern sicher. Bei der Verleihung dann peinliches Schweigen. Nur der Toten Hosen-Frontmann Campino traute sich, die Provokation vorsichtig zu kritisieren. Erst als die Veranstaltung vorüber war und die Medien mit der Kritik nicht zurückhielten, ereiferten sich auch früher ausgezeichnete Künstler und kündigen an, gewonnene ECHOS aus Protest zurückzugeben.

Und wie reagierte die Musikindustrie? Der Bundesverband der Musikindustrie schrieb, die Marke Echo sei «so stark beschädigt» worden, dass ein Neuanfang notwendig sei. Sie liess ihren ECHO sterben. Dies ist aus zwei Gründen wohl nicht die beste Reaktion. Erstens vergrössert die Industrie damit den Scoop der Rapper noch einmal. Besser hätte sie den Rappern ihren Preis aberkannt und künftig nicht nur Verkaufszahlen, sondern auch eine Jury bei der Vergabe zu Rate gezogen. Zweitens verliert die Industrie eine über Jahre gut eingeführte Marke. Dieser Neuanfang wird aufwendig, denn eine neue Marke zu etablieren kostet viel Zeit und Geld. Besonders, wenn eine neue Marke eine «Skandalmarke» ersetzen und diese vergessen lassen soll.

Die Industrie hätte besser daran getan, den ECHO neu zu erfinden. Die Krise hätte der Marke die Chance geboten, echtes Profil zu erlangen. Schliesslich verfügt eine wirklich starke Marke über Persönlichkeit mit Ecken und Kanten. Diese kann und muss nicht immer strahlen, sondern sich immer wieder von Neuem beweisen und auf ihre Anspruchsgruppen einstellen. Der Skandal hat die Bekanntheit der Marke massiv gesteigert. Ein sinnvolles und kommunikativ gut begleitetes Revival des ECHO hätte den Preis durchaus als deutschen «Grammy» etablieren können. Den Fehler eingestehen, sich dafür entschuldigen, konsequent handeln und die bekannte Marke neu definieren – dies hätte bestimmt ein positiveres Echo ausgelöst.