Auf den ersten Blick war es eine gute Show. Am letzten Dienstag lud die ABB ins Teatro Verdi in Pisa, ein Philharmonieorchester spielte, der Startenor Andrea Bocelli sang und den Taktstock führte – ein Roboter der ABB. Die Presse nahm die Geschichte dankbar auf. Schliesslich ist das Thema Digitalisierung in aller Munde und solch ungewöhnliche Bilder sieht man gerne. Auf den zweiten Blick aber merkt man; hier hat die ABB ihren Markenauftritt vergeigt.

Natürlich ist dirigieren kein neues Geschäftsfeld für ABB-Roboter. Das Ganze sollte zeigen, dass die vermeintlich kalte ABB-Robotertechnik auch in zartbesaitetem Umfeld bestehen kann. Doch was tat der Roboter-Dirigent? Er tat die Arbeit des Dirigenten, nur einfach viel schlechter. Herbert von Karajan sagte einmal: «Der Dirigent ist nicht Vollstrecker der Partitur. Er erfüllt sie mit Leben.» Mit Leben füllen konnte der Roboter die Partitur nicht. Er amtete als Vollstrecker. Doch warum dann die ganze Übung? Welches Markenversprechen gibt die ABB damit ab? Die ABB ist eigentlich dafür bekannt, dass sie in der Robotik Lösungen entwickelt, die den Menschen nicht ersetzen, sondern ihn ergänzen und entlasten. Auf ihrer Website zeigt ABB, wie faszinierend ihre Roboter mit Menschen zusammenarbeiten können und wie neuste Sensoren eine Nähe von Mensch und Roboter zulassen, die man noch vor kurzem nicht für möglich hielt. Nun stellte ABB also für sehr viel Geld einen Blechrumpf mit zwei Armen vor ein Orchester und liess diesen den Taktstock schwingen – ohne jegliche Interaktion mit dem Orchester. Geiger Brad Repp, der am Konzert mitwirkte, meinte gegenüber der SDA: «Der Roboter ist amüsant, aber repräsentiert nicht die Zukunft.»

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Das dies ein äusserst seltsames Bild abgibt, sah nicht nur Andrea Bocelli nicht, sondern blieb auch dem ABB-CEO verborgen. Spiesshofer begeistert auf der ABB-Website: «Ich glaube, dass wir heute Abend wirklich Geschichte schreiben und die zukünftige Anwendung von Robotern revolutionieren» Und gegenüber «Blick» fügt er hinzu: «Wir zeigen mit dieser emotionalen Anwendung, dass der Mensch vor Robotern keine Furcht haben muss.»

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Einem ABB-Kunden könnte aber gerade diese Show Angst machen. Kunden wollen die ABB als Problemlöserin erleben und nicht als Unternehmen, das dem digitalen Hype verfällt und einfach alles macht, was möglich ist. Das Metronom ist bereits seit einer Weile erfunden und ein Roboterdirigent, der nicht viel mehr kann, wirkt lächerlich. Echten Mehrwert vermitteln könnte ABB, wenn sie zeigen würde, wie Künstler dank Robotik in der Lage sind, in ihrer Kunst über sich hinauszuwachsen. Solchen Mehrwert leistet die ABB ja bereits in vielen Bereichen. Kurz: ABB sollte sich nicht mit Machbarem profilieren, sondern mit Brauchbarem.