Für die NZZ war es eine Panne, ein Skandälchen. Der «Tages-Anzeiger» übertrieb und nannte es einen Tumult. Auf jeden Fall sorgte der 19. Swiss Photo Award diese Woche schon für etwas ungewöhnliche Schlagzeilen. Und er löste eine wichtige Diskussion aus, die ins Zeitalter der «Fake News» passt: Wie viel Bildretusche ist bei Reportagefotografie zulässig?

Letzten Mittwochabend, vierundzwanzig Stunden vor der offiziellen Eröffnung des 19. Swiss Photo Award, begrüsste Heads Corporate Branding, langjähriger Sponsor des Awards, eine bunte Gästeschar in der Photobastei und bot eine exklusive Vorschau zur Ausstellung. Als Geschäftsführer von Heads richtete ich einige Begrüssungsworte an unsere Gäste und machte auf zwei der 21 hervorragenden Arbeiten aufmerksam, die mir besonders aufgefallen sind. Zum einen die sehr eindrückliche und ästhetische Reportagearbeit von Christian Bobst über Wrestler im Senegal und, sozusagen als Kontrastprogramm im selben Raum ausgestellt, die Reportage von Roshan Adhihetty über Nacktwanderer in unseren Voralpen. Die posierenden Naturfreunde mit der Anmutung von zwischen Tannenbäumen gehenden «Fleischkäse in Wanderschuhen» überzeugen natürlich nicht ästhetisch, aber ich fand sie besonders albern und vom Fotografen wunderbar festgehalten. Auf diesen Kommentar entgegnete Romano Zerbini, Initiant und Seele von Photobastei und Swiss Photo Award, dass diese Arbeit noch zu reden geben werde, gerade in Zeiten der «Fake News». Was wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wussten: Unsere Ausstellungs-Vorschau war wirklich exklusiv, denn die Reportage der Nacktwanderer würde noch vor der Ausstellungseröffnung am folgenden Tag wieder abgehängt. Was war passiert? In einer Ausstellungsbegehung von Jury und den für die Kategorienpreise nominierten Fotografen erklärte der Fotograf Roshan Adhihetty, wie er seine Nacktwanderer-Bilder durch Bildbearbeitung perfektioniert habe. Erst zu diesem Zeitpunkt wurde klar, dass im Rahmen der Bildbearbeitung beispielsweise auch eine Person auf einem Sujet wegretuschiert wurde. Die Jury hatte geplant, Adhihetty am kommenden Tag den Kategorienpreis zu überreichen – das Pressecommunique dazu war mit Sperrfrist bereits verschickt. Aufgrund der neuen Erkenntnis wurde dieser Preis Adhihetty aberkannt. Der Kategorienpreis ging an Christian Bobst mit seiner Reportage aus dem Senegal. Daraufhin entschied sich Roshan Adhihetty, seine Nacktwanderer gleich ganz aus der Ausstellung zu entfernen.

Die Jury des Swiss Photo Award handelte wohl richtig, in der Kategorie Reportagen keine Bildmanipulationen zuzulassen. Und gut, hielt sie daran fest, obwohl der Entscheid gegen diese Arbeit im ungünstigen, weil sehr späten Zeitpunkt zu fällen war. Dass der Fotograf sich entschloss, nach der Aberkennung des Preises seine wirklich gelungene Reportage gleich ganz aus der Ausstellung zu nehmen, hat er wohl in der Hitze des Gefechts entschieden und ist bedauerlich – für ihn selbst und für alle Ausstellungsbesucher, die diese gute und schön präsentierte Arbeit trotzdem gerne gesehen hätten. Es wäre auch eine Chance gewesen, das Thema der Bildveränderung zu thematisieren und anhand dieser Arbeit zu veranschaulichen.

Immer noch zu sehen sind die Nacktwanderer in der Swiss Photo Award Collection.
Und natürlich auch die Arbeit des Kategoriensiegers Reportagen, Christian Bobst: Der Fels von Ngor.

Die Ausstellung des 19. Swiss Photo Award ist, auch mit einer Arbeit weniger, absolut sehenswert und bis 16. April 2017 in der Photobastei am Sihlquai 125 in Zürich. Hingehen!