Reed Hastings und Ted Sarandos, die wichtigsten Köpfe hinter Netflix, erklärten gegenüber «ZEIT Online», warum sie sich bei der Entwicklungsarbeit nicht einfach auf Nutzerdaten abstützen. Und dies trotz Realtime-Nutzerdaten von 81 Millionen Kunden in 190 Ländern. Für ihre Arbeit gilt, was auch für die Entwicklung von Marken essenziell ist: Big Data ermöglicht eine bessere Analyse und ein präziseres Briefing an Kreative. Doch den Entwicklungsprozess ausschliesslich auf Daten abzustützen, führt zu schlechten Resultaten. Sarandos: «Es gab Experimente, Storytelling und Kreativität von hinten aufzuzäumen. Die Ergebnisse waren verheerend.» Ein Auszug aus dem «ZEIT»-Interview vom 22. April 2016.

ZEIT Online: Wie finden Sie heraus, was die Leute in Europa mögen? Alleine über die Daten, die Sie auf Ihrer Plattform sammeln?
Ted Sarandos: Ja, wir schauen uns an, was die Leute schauen. Welche unserer Inhalte werden in dem jeweiligen Land besonders gut bewertet? Welche Kinofilme sind erfolgreich? Das bringt viel mehr als Fokusgruppen und Umfragen. Man kann Leute natürlich fragen, was sie gerne sehen möchten. Aber es ist viel präziser zu sehen, was sie wirklich tun. Sie sagen dir sonst das, was du ihrer Meinung nach hören willst.

Es gewinnt also, was am besten gefällt? Was machen Sie mit den Inhalten selbst?
Reed Hastings:
Wir nehmen nicht unsere Daten und sagen: «Nimm einen Hund rein. Serien mit Hunden laufen besser.» Wir vermitteln den Kreativen: Mach deine Traumserie. Und wie immer du das tust, wir werden sie so breit wie möglich vermarkten.

Behaupten Sie wirklich, dass Sie Ihren riesigen Datenschatz ignorieren, wenn es um die Inhalte geht?
Sarandos: Nein. Wir nutzen die Daten, um effizient zu kaufen. Um besser entscheiden zu können, wie gross die Marktgrösse für ein bestimmtes Projekt ist. Zum Beispiel House of Cards: Wir rechnen: Wie viele Fans von David Fincher gibt es? Wie viele von Kevin Spacey, Robin Wright? Wie viele liebe Polit-Dramen? Wie viele Shakespeare-artige Geschichten? Das alles wissen wir und so können wir gute Prognosen abgeben. Wir investieren viel in Projekte, die ein grosses Publikum ansprechen werden. Und wenig in Projekte, die ein kleines Publikum ansprechen. Aber wir wollen kein reverse engineering.

Wobei Sie genau dieses umgekehrte Entwickeln betreiben könnten. Das fertige Produkt untersuchen, die besten Einzelteile herausnehmen und daraus wieder etwas Neues bauen. Sie wissen, wonach sich die Leute sehnen.
Sarandos: Absolut. Zum Beispiel nach Filmen mit Adam Sandler. Die Daten haben uns gesagt, dass diese Filme überall auf der Welt beliebt sind. Die konventionelle Meinung war: Amerikanische Komödien gehen nicht gut um den Globus. Wir behielten recht. Aber wir würden Adam Sandler inhaltlich nicht reinreden.

Sie geben Ihren Serienmachern also keinen Katalog mit Anforderungen mit?
Sarandos: Nein, als Kreativer würde man unter diesen Bedingungen nicht arbeiten wollen. Es gab Experimente, Storytelling und Kreativität von hinten aufzuzäumen. Die Ergebnisse waren verheerend. Es wäre Frankenstein.

Das ganze Interview auf «ZEIT Online»

Interview: Philipp Reinartz